HR 60+ - von Aktivrente bis aussortiert. Warum wir Fachkräfte brauchen, aber nicht einstellen.

„Mit dem Alter ging die Wechselei erst so richtig los“

DER PAYROLL PODCAST #17  |  Mai 2025

Ein Gespräch mit HR-Leiterin Claudia Kosian über Wechseln mit 60+, Recruiting älterer Arbeitnehmer und dem Wert altersgemischter Teams

Mit 60 Jahren nach Österreich gewechselt, auf Gehalt verzichtet – und keine Sekunde bereut. Claudia Kosian ist HR-Leiterin in einem großen österreichischen Einzelhandelsunternehmen und spricht im Gespräch mit Sabine Katzmair über ihre ungewöhnliche Karriere, die gläserne Wand für Bewerber ab 50 – und warum Alter eine Zahl ist, kein Leistungsstempel.

Einmal beworben – und dann kam immer der Headhunter

Sabine Katzmair: Was natürlich super toll ist: Sie haben sich in Ihrem Leben eigentlich nur einmal beworben. Also das ist ja aussergewöhlich.

Claudia Kosian: Ich habe mich einmal beworben und habe den Job auch angenommen. Das war der allererste – direkt von der Uni rein in den Job. Inzwischen habe ich mich schon mal zweimal beworben, bin aber dann doch nicht hingewechselt, weil mir der aktuelle Arbeitgeber die bessere Wahl schien. Das war auch noch zu der Zeit, als ich noch nicht so wechselwillig war.

Sabine Katzmair: Sie haben ja oft gesagt: Das war mir zu langweilig. Und sie haben das eigentlich umgekehrt gemacht als die Gen Z – die testet vorher aus. Sie haben das nachgeholt ab 50. Oder: Sie haben sich selbst gefunden.

Claudia Kosian: Ja, vielleicht mit Life Crisis. Ich glaube, das war Ende 40, als ich dann ankam. Ich bin ja so groß geworden: Meine Eltern waren noch der Meinung, wer bei der Deutschen Bank startet, der geht auch von dort in Rente. Die ersten zwei Dekaden habe ich das auch so gelebt. Und dann habe ich festgestellt: Loyalität ist manchmal nur auf einer Seite. Wenn man bei Amerikanern arbeitet, machen die ganz schnell mal einen Standort zu. Und dann hat der Personaler nichts mehr zu tun, wird langweilig – also wechselt man.

„Mit dem Alter ging die Wechselei erst so richtig los. Und dann bin ich auf den Geschmack gekommen.

Sabine Katzmair: Es gibt halt nicht so viele, die jetzt in ihrem Alter noch immer von Headhuntern angesprochen werden. Liegt das daran, dass Sie immer sehr operativ gearbeitet haben – zwischen HR und Payroll?

Claudia Kosian: Die Verantwortung für die operativen Seiten hatte ich immer. Und jetzt wo Sie es sagen – das haben mir so manche von den Personalberatern gesagt: Es ist fast schon ein Alleinstellungsmerkmal. Die meisten Personaler sehen das Operative als notwendiges Übel. Mir war es immer sehr wichtig. Ich bin ganz sicher nicht der beste Abrechner – und schon gleich gar nicht mehr jetzt in Österreich, weil es sehr ähnlich ist, aber doch nicht eins. Aber ich habe immer den engen Kontakt zur Payroll gehabt und konnte die Abrechnung selbst erklären. Das ist ja für viele Personalleiter nicht so einfach.

Bei Amazon hätte Claudia Kosian den Job ohne operative Kenntnisse niemals bekommen: Ihre damalige Chefin – eine Holländerin – bohrte im Interview hartnäckig nach sozialversicherungsrechtlichen Details. Als Kosian endlich verstand, was gefragt war, sagte die Chefin: „Das ist die Erste, die mir das beantworten kann. Wir machen weiter.“

Sabine Katzmair: Wenn es zur Insolvenz kommt, dann geht der Happy Manager zuerst. Die Operative geht zuletzt.

Claudia Kosian: Ja, stimmt. Übrigens: mein Rat an alle, die gerade studieren – geht nach der Uni erstmal operativ arbeiten. Dann schauen, was einem gefällt. Operativ ist wichtig.

Mit 60 nach Österreich – und keine Sekunde bereut

Sabine Katzmair: Sie sind bewusst nach Österreich gegangen, auch mit dem Gehaltsabstrich. Das macht ja nicht jeder. Das war eine bewusste Entscheidung.

Claudia Kosian: Also kennengelernt habe ich nur die Geschäftsführung damals. Aber ich war natürlich hier und habe es mir angeschaut. Davor war ich mal kurz in der Oberpfalz bei einem Unternehmen – da kannte ich gar nichts, das war zur Corona-Zeit. Da wusste ich weder, wie das Büro ausschaut, noch wie die Stadt ist. Und bin da einfach mal hin.

Sabine Katzmair: Und so haben wir uns ja auch kennengelernt, Frau Kosian – Sie waren Kundin in meinem Training „Grundlagen der Lohnabrechnung Österreich“. Ich fand das so toll, dass Sie das mit 60 noch machen. Jeder andere hätte sich schon für den Häkelkurs angemeldet.

Claudia Kosian: Das habe ich sogar schon mit 50 gehört. Als ich damals gewechselt hatte, sagte jemand: Meine Mama ist auch 50. Die würde niemals den Arbeitgeber wechseln. Du gehst jetzt in ein Probezeitrisiko. Bist du wahnsinnig?

„Ich würde keinen Grund sehen, wegzugehen. Ich bin hier in Österreich so was von angekommen.“

Claudia Kosian: Ich habe mir auch ein Radl gekauft. E-Bike. Dieses Jahr war ich schon sechsmal Skifahren – in der Saison davor nur fünfmal. Vielleicht schaffe ich nächste Saison siebenmal. Ich habe jetzt meinen Riesenspaß.

Würden Sie gerne mehr Ältere einstellen – und warum klappt es oft nicht?

Fakten: 30 Prozent der Unternehmen mit mehr als 20 Mitarbeitern beschäftigen niemanden über 60. Wer ab Mitte 50 arbeitslos wird, findet kaum mehr eine neue Stelle. In Österreich verlängert sich das Pensionsalter für Frauen sukzessive – wer vorher arbeitslos wird, hat kaum noch Chancen auf eine Neuanstellung.

Sabine Katzmair: Aus Ihrer Sicht jetzt – würden Sie gerne mehr ältere Mitarbeiter einstellen?

Claudia Kosian: Also aufgrund unseres Gesprächs im Februar haben wir uns mal schlau gemacht. Ich habe mein Team gefragt, ich habe selbst nachgeschaut. Die Statistik sagt, dass man sich ab Mitte 50 sehr schwer tut – gerade wenn man aus der Arbeitslosigkeit kommt. Und dass 30 Prozent der Unternehmen über 20 Mitarbeiter einfach niemanden beschäftigen, der über 60 ist. Dann habe ich mir gedacht: Schauen wir doch mal bei uns. Wir beschäftigen aktuell 17 Prozent der Belegschaft über 50, 5 Prozent über 59 und immerhin noch 2 Prozent über 60. Das ist nicht schlecht. Und wir würden uns mehr Bewerbungen wünschen.

Sabine Katzmair: Nochmal kurz zum Thema Gehalt – Sie sind ja bewusst nach Österreich gegangen, auch mit dem Gehaltsabstrich. Das macht nicht jeder. Wie läuft das bei älteren Bewerbern?

Claudia Kosian: Die Älteren wissen sehr wohl, was adäquat ist. Und gerade die etwas Älteren gehen teilweise sogar schon wieder runter in ihren Gehaltsforderungen – weil sie kein Haus mehr abzahlen müssen, keine Kinder mehr auf die Uni schicken müssen. Die sagen: Damit komme ich gut aus, aber ich will weiterarbeiten. Je körperlich anstrengender eine Tätigkeit ist, desto vorsichtiger ist man natürlich. Aber das Argument, der Aufwand der Einarbeitung lohnt sich nicht mehr – das überzeugt mich nicht. Wenn ich jetzt jemanden nehme, der 25 ist und sagt, jetzt will ich Elternzeit oder Sabbatical machen – der ist ja auch weg. Ich glaube, da muss man einfach grundsätzlich offener sein.

Aktivrente, Teilpension – und das eigentliche Problem bleibt

Sabine Katzmair: Wir haben ja jetzt die Aktivrente in Deutschland und die Teilpension in Österreich. Wird das die Leute wirklich motivieren weiterzuarbeiten?

Claudia Kosian: Die die wollen – ja. Die die nicht wollen – nein. Aber das hilft den Leuten, die 50 plus sind und auf dem Markt sind, gar nichts. Da muss der Mindset Change kommen. Weil: Die Demografie gibt es nicht mehr her, dass man nur auf die Jungen setzt. Das fand ich immer schon fatal.

Sabine Katzmair: 2026 ist das erste Jahr, wo in Deutschland weniger Leute auf den Fachkräftemarkt kommen als abgehen. Es geht jetzt richtig los.

Claudia Kosian: Go! Und ich glaube, das Allerwichtigste ist grundsätzlich, dass man einfach offen ist – weder wegen Alter noch wegen Herkunft noch wegen irgendetwas anderem diskriminiert. Was spricht dagegen, mal jemand Älteren einzustellen? Wenn es nicht passt – auch die Älteren haben eine Probezeit. Aber im Normalfall waren unsere älteren Einstellungen keine Fehleinstellungen. Im Gegenteil.

„Die Mischung macht es – weil jeder voneinander profitiert. Der Erfahrene sagt in der Krise: Ganz ruhig, das haben wir schon gehabt. Umgekehrt halten uns die Jungen jung.“

Was Bewerber 60+ wirklich brauchen

Sabine Katzmair: Was würden Sie den Leuten raten – 50 plus, 60 plus – wenn die sagen, ich will noch was tun, ich will mich noch einbringen?

Claudia Kosian: Man muss gesehen werden, man muss einfach gekannt werden. Ich werde es nie vergessen: Einer der Personalberater hat mich angesprochen und gesagt, ich kenne das Unternehmen, das passt nicht – aber reden Sie mit meinem Kunden. Ich habe gesagt: Wie bitte, wir kennen uns doch kaum. Ich war dann bekannter als ich dachte. Nicht weil ich einen Podcast hatte oder so – einfach weil ich auf Messen präsent war, extrovertiert war. Das hilft.

Claudia Kosian: Und was man auf gar keinen Fall darf: sich selbst hinterfragen nach dem Motto, Gott, ich bin jetzt alt, würde ich mich selbst einstellen? Man muss seines eigenen Wertes bewusst sein. Was kann ich, was kann ich nicht? Was hat das Unternehmen davon, wenn es mich nimmt? Wo bringe ich die voran? Dann geht man schon ganz anders rein.

Sabine Katzmair: Und diesen Lebenslauf runterbeten wenn man gefragt wird, erzählen Sie doch mal von sich – das ist doch eine blöde Frage im Vorstellungsgespräch für ältere Bewerber. Ich sagte mal: ‚Wenn ich das mache, dann sitzen wir morgen noch, da!

Claudia Kosian: Also es ist schon hart, wenn man ein „paar“ Stationen hat, bis man den durchgenudelt hat. Die haben ja den CV, der liegt vor. Ich sage dann immer: Den CV erzähle ich Ihnen nicht – aber wenn Sie wollen, erzähle ich Ihnen, warum ich von einer Station zur nächsten gewechselt bin. Und dann sind die meisten schon zufrieden.

🎧 Das vollständige Gespräch mit Claudia Kosian gibt es hier:

👉 Jetzt Podcast-Folge anhören


Über die Gesprächspartnerinnen

Sabine Katzmair ist Payroll-Expertin, Trainerin und Gastgeberin von DER PAYROLL PODCAST. Sie unterstützt Unternehmen bei der Modernisierung ihrer HR- und Payroll-Prozesse und begleitet Teams beim generationenübergreifenden Aufbau von operativem Payroll-Know-how.

Claudia Kosian ist erfahrene HR-Leiterin mit operativem Schwerpunkt in Payroll und Shared Service. Sie verantwortet heute die Personalleitung eines großen österreichischen Einzelhandelsunternehmens und lebt seit 2024 in Innsbruck.

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